Interview

The following interview was conducted by Marc Rhode in February 2011 in German.

Im Gespräch: Altistin Kismara Pessatti

Die aus Brasilien stammende Altistin studierte Schauspiel und Gesang in ihrer Heimatstadt Curitiba und Gesang an der Hochschule für Musik in Berlin. Nach Meisterklassen und einem Stipendium der Richard-Wagner-Stiftung für die Bayreuther Festspiele war sie Finalistin des V. Internationalen Wagnerstimmen Wettbewerbs in Venedig sowie Finalistin des XIII. Concours International de Chant in Toulouse.

In den Spielzeiten 2003 bis 2005 war sie Mitglied des Opernstudios der Zürcher Oper und trat auch erfolgreich bei den Rossini-Gastspielen in Genua, Baden und Mézières auf. Von 2005 bis 2008 gehörte Kismara Pessatti zum Ensemble des Opernhauses Zürich. Hier sang sie unter Dirigenten wie Franz Welser-Möst, Ralf Weikert, Nello Santi, Vladimir Fedoseyev und Nikolaus Harnoncourt.

Heute ist die Sängerin freischaffend tätig und war unter anderem als Carmen bei den Bergischen Symphonikern, als Maddalena in „Rigoletto“ in Saint-Étienne oder als Erda in „Siegfried“ im Aalto Theater in Essen erfolgreich. In Konzerten arbeitete die Künstlerin mit Helmuth Rilling und Lorin Maazel zusammen. Auftritte führten sie in die Royal Festival Hall, London, ins Teatro La Fenice, Venedig, in die Bunkamura Orchard Hall, Tokio und die Simón Bolívar Hall in Caracas.

Wie kamen Sie zum klassischen Gesang? Zunächst begannen sie mit brasilianischer Musik. Sind Sie heute noch immer in diesem Genre aktiv?
In der Tat. Alles war eine Fügung des Schicksals. Seit ich denken kann singe ich sehr gerne. Meine Familie war sehr musikalisch, obgleich niemand die Musik zum Beruf gemacht hatte. Wir haben oft zu Hause musiziert, improvisiert, getanzt, aber meine Familie hatte keinen Zugang zur klassischen Musik und ich als das jüngste von vier Kindern auch nicht. Wir haben meistens mit Gitarre und Schlagzeug die Rhythmen meiner Heimat gespielt, wie Bossa Nova (brazilian Jazz), Samba, Choro, und MPB (música popular brasileira). Irgendwann haben mein Bruder, der Gitarre spielte, und ich angefangen, in einigen Bars der Stadt aufzutreten. Das Feedback war sehr positiv und ich fühlte mich sehr erfüllt. Spätestens dann habe ich bemerkt, dass ich professionell mit meiner Stimme arbeiten könnte und habe mich beim Konservatorium für Musik in meiner Stadt beworben. Der Kurs hieß schlicht ‚Gesang’ und war eine Art Vorstudium für die Hochschule. Ich habe die Prüfung bestanden. Nach mehreren Monaten ausschließlich technischer Übungen im Unterricht, habe ich am Ende einer Stunde einmal ungeduldig meinen ersten Lehrer gefragt, wann ich endlich mal ein Musikstück singen dürfte. Er hat nur geantwortet „bald“ und verabschiedete sich. In der nächsten Stunde überreichte er mir ein kleines Gesangsstück von Bach. „Bach? Wo sind aber unsere Komponisten, wie Tom Jobim, Caetano Veloso, Gilberto Gil?“ habe ich ganz erstaunt, mit etwas Unverständnis und voller Naivität gefragt. Er schaute mich verwundert an und sagte nur: „Dies ist eine Klasse für klassischen Gesang!“ Ich war sprachlos und konnte gar nichts mehr sagen – Hatte Ich mich für den falschen Kurs beworben?

In meiner damaligen Welt war es für mich selbstverständlich, dass es sich in einem Kurs für Gesang um die populäre Musik handeln musste. Manchmal findet man wohl erst durch Irrtum den richtigen Weg.

Aber ich brauchte Zeit, um das zu verstehen. Zusätzlich habe ich Schauspiel studiert und bin schließlich dem Theaterchor für klassische Musik beigetreten. Erst dann, als ich selbst auf der Bühne im Chor einer Opernproduktion singen musste habe ich plötzlich verinnerlicht, dass alle meine Vorurteile der Oper gegenüber falsch waren. Die Oper beinhaltet eigentlich alles, was ich mein Leben lang gesucht hatte: Anspruchsvolle Kunst in der sich Bühnenbild und Kostüme mit Schauspiel verbinden.

Es war gar keine Liebe auf den ersten Blick, aber dafür eine sehr tiefe und dauerhafte.

Meine Leidenschaft für brazilian Jazz besteht immer noch. Heute aber eher im Zuhören als im Selbermachen. Allerdings: Immer wenn ich meine Familie in Brasilien besuche, gibt es noch mindestens eine Einlage brasilianischer Lieder mit Gitarre und Schlagzeuge!

Die wenigsten großen Opernpartien sind für Alt geschrieben. Sind Sie manchmal neidisch auf Ihre Kolleginnen, die Sopran singen?
Ganz am Anfang meiner Ausbildung wünschte ich mir schon aufgrund des Opernrepertoires die Hauptpartien singen zu dürfen - wie jedes junge Mädchen. Bis ich verstanden habe, dass das, was die Natur mir gegeben hatte etwas sehr Rares und Wertvolles war. Von da an war ich für dieses Geschenk zutiefst dankbar. Später habe ich realisiert, dass sich das Leben einer klassischen Sängerin um Vieles mehr dreht, als die Hauptpartien singen zu wollen. Außerdem gibt es für Altstimme ein wunderschönes und breites Konzertrepertoire, was mir heute sehr viel Freude bereitet.

Wie kamen Sie von Brasilien in den deutschsprachigen Raum?
Es war mir früh bewusst, dass ich Brasilien irgendwann verlassen musste, wenn ich mich in klassischen Gesang weiterbilden wollte. Meine erste Idee war, nach Italien zu gehen. So wollte ich mir auch den Wunsch erfüllen, im Land meiner Vorfahren zu leben und mehr über meine Herkunft zu erfahren. Aber meine damalige Lehrerin in Brasilien hat mir Deutschland empfohlen.

Sie hatte früher selbst dort gelebt und gesungen und mir gesagt, dass die Qualität der Ausbildung in Deutschland besser und die Kosten günstiger seien als in Italien. Das waren für mich ausschlaggebende Argumente, da ich nicht gerade aus einer wohlhabenden Familie stamme. Nach einem ersten Kontakt in Deutschland, einer erster Berührung mit der deutschen Sprache und dem System der Hochschulen, habe ich mich für Berlin entschieden. Ich hatte zwar einen Studienplatz in der Hanns Eisler Hochschule bekommen, aber leider kein Stipendium aus meinem Land erhalten. Nach der Stipendiumsabsage und einer (sehr kurzen) Überlegungsfrist habe ich meinen gesamten Besitz verkauft und bin mit viel Hoffnung und wenig Geld im Gepäck nach Berlin gegangen.

Gerade ist eine Aufnahme von Christian Favres Requiem mit Ihnen auf CD erschienen. Sind weitere Aufnahmen geplant?
Ja, im April 2011 nehme ich mit der Bachakademie Stuttgart unter Helmuth Rilling das dramatische Oratorium „Jeanne d’arc au bûcher“ von Arthur Honegger live in Stuttgart auf.

Haben Sie eine Traumrolle, die Sie unbedingt mal singen wollen?
Ja klar, ein Leben ohne Träume wäre für mich etwas Unvollständiges, selbst wenn die Träume manchmal dazu da sind, Träume zu bleiben. Ich würde gerne noch ganz verschiedene Sachen machen, wie Ulrica („Un ballo in maschera“), Azucena („Il Trovatore“), Dalila, Gaea („Daphne“), Penthesilea, Farnace („Mitridate“), Hexe („Königskinder“), Madame de Croissy („Dialogues des Carmelites“), Carmen (mit selbst gespielten Kastagnetten!), Fricka („Rheingold“ / „Walküre“), Waltraute („Götterdämmerung“) und so vieles mehr...

Ach, unbedingt auch Monteverdis und Händels Werke. Ich liebe es, Koloratur zu singen. Vielleicht brauche ich für das alles mehrere Leben ;-) !

Wo und in welchen Stücken kann man Sie in der nächsten Zeit sehen?
Als Nächstes singe ich die Johannes Passion mit der Bachakademie Stuttgart unter Helmuth Rilling in Moskau. Danach den Vater im unbekannten Werk „El Hijo Prodigo“, (einem spanischen Barock-Oratorium) mit dem Ensemble Turicum in Zürich. Anschließend trete ich als Erda in der Wiederaufnahme von „Siegfried“ im Aalto Theater Essen unter Stefan Soltesz auf. Nach den schon erwähnten Konzert-Aufnahmen in Stuttgart, geht es wieder in die Schweiz für Verdis Requiem zusammen mit Ramón Vargas. Darauf folgt im Konzertbereich die „Matthäus Passion“ unter Nicolau de Figueiredo im Teatro Municipal de São Paulo. Zurück in Europa habe ich Ende dieser Saison einige Ringvorstellungen in Essen als Erda (sowohl in „Siegfried“ als auch in „Rheingold“).

© Marc Rohde, Februar 2011/ Original source: www.der-neue-merker.eu (article no longer online)

back to Press & Reviews

ballbusting-guru.org